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Schönheit in jedem Alter Warum die Mode kein Alter mehr hat

Lange galt der jugendliche Körper als höchstes Ideal, dem man sich zu unterwerfen hatte – auch mit 50. Mittlerweile wird jedem Alter seine eigene Schönheit zugestanden.
Wer in dieser Saison auf den Laufstegen von Paris und Mailand nach dem modernen Bild der Frau suchte, konnte Erstaunliches entdecken: erwachsene Frauen. Models in hochgeschlossenen Blusen mit plissierten, knielangen Röcken und flachen Schuhen. Alles sah so selbstbewusst aus, so stringent. Wie weggeblasen das Bild von dürren Mädchen, die auf Schuhen daherstöckeln, von denen man nur herunterfallen kann.
Die Jugend galt lange als die einzige Lebensphase, in der die Frau begehrenswert war. Es schien geradezu Pflicht zu sein, die Jugend so lange wie möglich zu erhalten, bis sie sich nicht mehr konservieren ließ. Jetzt aber demonstrieren immer mehr Frauen, dass man in jedem Alter schön sein kann.
Models wie Ines de la Fressange, die jenseits der 50 sind, präsentieren wieder Kleider für Chanel. Und Kosmetikmarken wie L’Oréal werben mit Botschafterinnen wie Jane Fonda und Andie MacDowell. Die 46-jährige Linda Evangelista war vor Kurzem auf dem Cover des Modemagazins W zu bestaunen. Wir bewundern die 67 Jahre alte Helen Mirren und die 63-jährige Meryl Streep. Die New York Times gibt Tipps: »Aging gracefully the French way« – anmutig altern auf französische Art (indem man etwa Cremes und niemals Seife verwendet).

Anti-Aging ist vorbei, die Kunst des ewigen Jungbleibens wird durch die Kunst des richtigen Alterns ersetzt. Dieses Phänomen hat natürlich mit der Demografie zu tun. Der Anteil älterer Menschen in der Gesellschaft steigt – und die Älteren sind länger aktiv. Die Menschen leben gesünder und üben oft keine Jobs mehr aus, die sie spätestens mit 60 zu Wracks gemacht hätten.
Die Konsumindustrie hat mit immer mehr Kundinnen (und Kunden) zu tun, die nicht ständig von der Werbung suggeriert bekommen wollen, dass sie die beste Zeit ihres Lebens längst hinter sich haben – denn so fühlen sie sich nicht. Eine Studie der Kölner Unternehmenberatung BBE ergab, dass sich Frauen im Alter von 55 Jahren heute im Schnitt 14 Jahre jünger fühlen, als es in ihrem Pass steht. Oder wie der Trendforscher Peter Wippermann es sagt: »Der subjektiven Verjüngung steht eine objektive Alterung der Gesellschaft gegenüber.«

Die Grenzen zwischen »junger« und »reifer« Mode verschwimmen, jede Frau gibt sich ihr Alter zunehmend selbst. Jeansmarken, die sich eigentlich an sehr junge Kundinnen wenden, müssen sich auf Kundinnen jenseits der 40 einrichten, während Hersteller, die sich auf »reife Frauen« eingestellt haben, als unattraktiv angesehen werden.
Dass sich das Rollenbild der Frau in der Mode zu wandeln beginnt, wird höchste Zeit. Denn wir schauen auf Jahrzehnte zurück, die von einer zum Teil grotesken Jugendverehrung geprägt waren. Man kann es am Berufseinstiegsalter einiger bekannter Models ablesen. So wurden Devon Aoki und Siegrid Agren mit 13 Jahren entdeckt. Es ist üblich geworden, Mode an Frauen vorzuführen, die noch keine wirklichen Merkmale einer Frau zeigen – und viele Modelkarrieren enden, wenn aus den Mädchen Frauen werden. Der deutsche Modedesigner Wolfgang Joop brachte diese Umstände einmal drastisch auf den Punkt, indem er erklärte, auf den Laufstegen werde Pädophilie praktiziert. Es schien, als beginne jenseits der 20 der Verfall – also versuchten manche noch mit 50, wie eine 20-Jährige auszusehen (und nicht immer so überzeugend wie Madonna).

Wie kam es zu diesem Jugendwahn? Er hat eine lange Geschichte. Genau genommen hat er die gesamte Mode, wie wir sie heute kennen, geprägt. Noch im 19. Jahrhundert, als Kleidung erst langsam begann, Mode zu werden, konzentrierte man sich stark auf die sekundären Geschlechtsmerkmale der Frau: die Taille, den Po, das Dekolleté. Während der bürgerliche Mann in einer alterslosen Anzuggarderobe verschwand, hatte die Frau die Aufgabe, den Wohlstand des Hauses auszudrücken – und die erotische Potenz des Gatten gleich mit.
Doch Anfang des 20. Jahrhunderts geriet der mütterliche Typus außer Mode. Als Kleider nicht mehr individuell geschneidert wurden, sondern als »Modelle« von Designern entworfen wurden, begann der Siegeszug des Mannequins. Und mit dem Mannequin kam die abstrakte Frau – die Frau als Bild, als Zeitgeist-Idol. Einer der ersten Designer, die das alte Bild der Weiblichkeit durchbrachen, war Paul Poiret. Er ließ sich in einer Zeit, als noch Brust und Taille betont wurden, von der knabenhaften Figur seiner jungen Frau inspirieren und entwarf Kleider, die gerade und lose herabhingen und keines Korsetts mehr bedurften. Von da an war nicht mehr die Figur das Leitbild, sondern die Linie. Die Frau wurde bewegt gesehen, nicht mehr statisch – nicht zuletzt, weil der Film sich als Medium durchsetzte. Die Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin Barbara Vinken nennt es die »Hyper-Erotisierung« der Frau: Statt Po und Busen wird nun jeder Körperteil wichtig – und damit auch jeder Teil der Kleidung. Das Hosenbein trägt ebenso zur Erscheinung bei wie Kragen und Schuh. Aus der direkten Erotik wird eine transzendierte. Schon die Designerin Coco Chanel stellte die Biegsamkeit des Körpers in den Mittelpunkt. Die Biegsamkeit aber bedurfte der Jugendlichkeit, des dynamischen, knabenhaften Körpers. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Christian Dior mit der »H-Linie« berühmt, die die Taille der Frau weitgehend negierte und die Yves Saint Laurent später mit seiner »Trapezlinie« perfektionierte. Die Frau in der Mode war nun ein abstraktes Wesen, ein Kunstbild. Und je wichtiger der modische Gedanke in der Gesellschaft wurde, desto schwieriger wurde es für die ganz reale Frau, diesem Kunstbild nahe zu kommen.
Zur stilisierten Jugendlichkeit kam die ideologische. Seit den fünfziger Jahren wurde die Jugendrevolte zu einer globalen Bewegung. Und Jugendlichkeit war nun nicht mehr etwas, das mit dem biologischen Alter zu tun hatte, nicht mehr ein begrenzter Abschnitt im Leben, sondern eine Einstellung. Der Begriff der Jugend ist vom biologischen Alter abgekoppelt. Es gibt nicht mehr das Alter, in dem man Dubstep hört oder SpongeBob guckt, und die Erwachsenenzeit danach, in der sich das nicht mehr schickt. Man kann sich bis ins Grab hinein jugendlich fühlen.
Das alles hat auch viel damit zu tun, dass klassische Werte des Erwachsenseins in den vergangenen Jahren immer stärker erodiert sind: Rationalität, Autorität und Kontrolle werden nicht mehr als sonderlich erstrebenswert betrachtet. Lieber will man spontan, emotional und hedonistisch sein. Wir möchten mit 65 so wirken, als wären wir noch ganz am Anfang. Als könnten wir unser Leben stets neu beginnen.
Und so lässt sich auch nicht von einer »Rückkehr des Alters« in der Mode sprechen. Denn all die schönen Frauen jenseits der 40, 50 und 60 rufen uns keineswegs zu: Nun lehnt euch mal zurück und verknittert und zerfaltet euch ganz entspannt, ihr seid immer noch begehrenswert! Im Gegenteil: Schön altern bedeutet, sich schon im Frühling des Lebens damit auseinanderzusetzen und daran zu arbeiten, wie man im Spätsommer und Herbst desselben aussehen möchte.
Das Gute ist: Man ist dem Altern des Körpers nicht mehr hilflos ausgeliefert, man kann es gestalten – durch Ernährung, Kosmetik, regelmäßigen Sport. Und wem das nicht reicht, der geht zum Chirurgen. Doch ist die Machbarkeit auch eine Bürde: Wie eine Frau (oder ein Mann) aussieht, ist nicht mehr unbedingt ein Zeichen des Alters, sondern vor allem des Lebensstils. Wer verlebt aussieht, so die versteckte Botschaft der Lebensoptimierungs-Industrie, ist selber schuld. Die neue Kunst des Alterns ist anstrengend. Man muss sich pflegen, genügend Sonnenschutz auftragen und Tee statt Kaffee trinken. Man sollte keine Nächte durchfeiern, weil der Körper im Schlaf wichtige Regenerationshormone ausschüttet.
Das Bild der selbstständigen, schönen, reifen Frau hat das Bild der gutmütigen Oma verdrängt. Man bleibt möglichst aktiv und attraktiv bis zum Schluss. Wenn Altern das neue Jungsein ist, ist das ruhige Altenteil keine Option mehr. Der Lebensabend ist leider abgeschafft.
Von: Tillmann Prüfer
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